WeWork verändert die Welt

Kürzlich nahm mich der Sommermorgen auf dem Fahrrad durch Heidelberg und ich stolperte ins Werk der Heidelberger Druckmaschinen. Seit gefühlten 1.000 Jahren stehen diese Gemäuer für Planung und Produktion von Printpressen aus unsrer Stadt. Das Areal riecht nach old-school Industrie – Kacheln, braun-grüne Farbtöne und vollständige Abwesenheit von Charme. Und mittendran: ein paar Laptop-Arbeiter auf dem Gehweg auf Bionade-Kisten. What? Beim genaueren Hinschauen stellt sich raus: ein Co-Working Space im Wärterhäuschen. Zur Zwischenmiete ist das Projekt, aber immerhin. Muss man mal feststellen, dass diese Szene von Laptop im Kaffee-Arbeitern fast an jeder Ecke hochpoppt. Was hat es damit auf sich?

Temporäres Co-Working im Fensterplatz in Heidelberg

Temporäres Co-Working im Fensterplatz in Heidelberg

 

Die Triebfeder hinter dem Trend

Das Wärterhäuschen verkörpert einen weltweiten Trend, der seit 10 Jahren in die Höhe schnellt. Co-Working und New-Work Formen bahnen sich unaufhaltbar den Weg. Die größte Hausnummer ist hier die amerikanische Firma WeWork, deren Marktwert auf 20+ Milliarden USD beziffert wird. Das ist so groß wie E.ON. Und das mit dem Mieten, aufhübschen und Vermieten von Räumen in Städten.

In Coworking-Orten finden sich Startups und Freelancer. Leute, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und die Welt verbessern wollen. Wenn man durch die Open Spaces bei WeWork läuft herrscht Aufbruchsstimmung und unbändige Energie. Hier wird gelernt, experimentiert, angepasst und skaliert. Hier sind die Menschen, die machen. Vor 10 Jahren gab es noch 160 Co-Working Space, heute sind es ca. 15.000.

Schon länger wird von einem Fachkräftemangel gesprochen. Programmierer sind rar. MINT Jobs jetzt schon heiß begehrt. Das wird die nächsten Jahre deutlich ansteigen. Mitarbeiter haben heute eine Wahl – und entscheiden sich oft eher für ein Umfeld von Kollaboration und sinnvollen Projekten, statt die Silos und Segmentierung von großen Unternehmen. Die Coworker stimmen für eine andere Kultur ab – und wer nicht das nächste Nokia sein will sollte gut hinschauen.

 

Der Aufstieg von WeWork

WeWork geht auf den US-Israeli Adam Neumann zurück. Er fuhr sein erstes Startup (Babyklamotten mit Knieschützern) an die Wand und stolperte eines Tage in Brooklyn in ein leeres Lager. 2008 war eine spezielle Zeit, aber Neumann zog es durch und dachte: Menschen brauchen andere um sich herum, um die kleine Hilfe zu bekommen, die einen großen Unterschied macht. Das Projekt war erfolgreich und schnell waren die Schreibtische vergeben.

Adam Newman - Gründer und Lenker von WeWork

Adam Newman - Gründer und Lenker von WeWork

2010 nannte er es WeWork und träumte von einem globalen Netz von Arbeitsplätzen. Sie starteten in New York, dann Chicago und sind jetzt in 156 Locations in der ganzen Welt. Über 120.000 Mitglieder zahlen jeden Monat einen Beitrag und der Wachstum ist auf 41% pro Jahr für die nächsten 5 Jahre gezählt. Da wächst was.  

Das WeWork Office im New Yorker Meatpacking District - eine von 54 Locations in der Stadt

Das WeWork Office im New Yorker Meatpacking District - eine von 54 Locations in der Stadt

Wenn man sich fragt, warum Menschen Geld für einen mobilen Arbeitsplatz ausgeben, dann stehen vor allem 4 Gründe im Vordergrund:

1)      Professioneller als die Couch. Die Alternative für Freelancer sind die Couch zuhause oder ein Cafe um die Ecke. Zum Arbeiten OK, aber wenn dann ein Kunde kommt ist es doch etwas basic. Daher bieten WeWork die Lockerheit von zuhause mit Ambiente einer ansehnlichen Umgebung. Das hilft.

2)      Billiger als sonstwo. Wenn Freelancer ihr eigenes Büro einrichten müssen sie WLAN einrichten, Drucker anschauen, Patronen kaufen, aufräumen, Steuern zahlen etc. In der Summe ist das teurer und zeitintensiver. WeWork ist Plug-und-Play. Gutes Umfeld ohne viel Anlaufkosten.

Weniger Sorgen - CoWorking nimmt zahlreiche Aufgaben ab und bietet Flexibilität

Weniger Sorgen - CoWorking nimmt zahlreiche Aufgaben ab und bietet Flexibilität

3)      Business Kontakte und Hilfe. Andere Freelander bei WeWork haben ähnliche Probleme – Vertrieb aufbauen, USP pitchen, Partnerschaften managen etc. Da ist ein reger Austausch und viele Startups profiteren, ob von direkten Leads oder einfach einer Kollegenberatung. Die Lernrate in Co-Working Space ist astronomisch; weil es viel Wissen und offene Leute gibt.

4)      Inspiration und Ambiente. Die Community ist zentral für WeWork. Dort wird auf Weltveränderung gebaut, auf Mut, auf Macher-Attitüde und unbremsbaren Optimismus. Das steckt an. Deshalb gibt es auch in jedem Space zahlreiche Events und Plattformen, um miteinander zu lernen. Man ist am Puls der neuen Welt bei WeWork, und das hilft bei der eigenen reise.

Jetzt sind aber nicht nur Freelancer bei WeWork. Viele Firmen wollen auch ein Stück vom Kuchen. Was suchen Firmen, wenn sie dort kollaborieren?

1)      Flexible Ausgaben. Büros sind teuer, vor allem in Großstädten. Mit WeWork lässt sich eben mal ein Büro in New York (oder Hamburg) aufmachen ohne langfristige Mietverträge. Man sagt, das Büros in Spitzenzeiten zu 42% ausgelastet sind – daher ist eine flexible Nutzung immer ein Kostenvorteil, selbst wenn der qm scheinbar mehr kostet.

2)      Ideentausch. Zappos hat Teile seiner Zentrale in einen Co-Working Space verlegt. Sie wollten mit anderen Firmen Austausch haben und Ideenfluss fördern. Resultat: 60% mehr Verbesserungsvorschläge und mehr Mitarbeiter-initiierte Projekte.

Nach dem Pilot ging Zappos in die Vollen und startete zig CoWorking Spaces für seine Mitarbeiter

Nach dem Pilot ging Zappos in die Vollen und startete zig CoWorking Spaces für seine Mitarbeiter

3)      Lessons von Startups. Unternehmen stecken häufig in starren Korsetten. Fehler werden verdammt und Silos regieren. Startups können sich das nicht leisten. Corporates können von den Methoden und Mindsets der neuen Welt lernen.

4)      Die richtigen Leute.  Die kreativen Köpfe und initiativen Macher sitzen in den Startups. Wer gute Leute haben will, steht direkt in Konkurrenz mit WeWork. Durch das Ambieten und Förderung der flexiblen Arbeit erhoffen sich Unternehmen besseren Zugang zu Top-Talenten.

Also haben beides Seiten großen Gewinn vom gemeinsamen Arbeiten. Wie sieht das aber in der Praxis aus?

 

So sieht das aus: Startplatz in Köln

Gehen wir nach Köln. Dort ist seit 2017 der Startplatz am Start. Auf zwei Ebenen in einem Büro-Komplex sind knallfarbene Räume und viele junge Macher. Im Foyer sitzen Menschen an Tischen, trinken Kaffee und besprechen ihre Sales-Pipeline. An den Wänden hängen die Poster für die Veranstaltungen der kommenden Wochen – Vorträge über erfolgreiche Gründer und Geschichten über das Scheitern. Die IHK kommt und bringt Mittelständler, die sich die Szene vor Ort anschauen wollen.

Die Lobby im Kölner Startplatz - guter Kaffee ist wie immer ein Muss und dort herrscht ein reges Netzwerken

Die Lobby im Kölner Startplatz - guter Kaffee ist wie immer ein Muss und dort herrscht ein reges Netzwerken

Mana empfängt uns und leitet uns durch die Räume. Er ist seit 6 Monaten mit am Start und für Community-Development zuständig. Er redet wie ein Wasserfall und erzählt von dieser Firma und jener – nur um uns dann Leute vorzustellen. Sofort bekommen wir einen Pitch, wie das Produkt die Probleme der Menschheit löst. Am nächsten Schreibtisch wird ein Kundenworkshop konzipiert und die Wände sind voller bunter Post-Its. Design-Thinking in Action.

Der Startplatz wächst und expandiert. Die Szene boomt und einige größere Firmen wollen sich auch mit einmieten. Man ist hier etwas billiger als WeWork und die Community ist lokaler. Es scheint niemand groß zu stören und man freut sich an der Stimmung wie an einem College. Hippes Essen rahmt die Empfangsregale und es wird an jeder Ecke darauf geachtet, dass Leute miteinander connecten und sich austausch.

 

Wie WeWork die Welt ändert

Wir sehen einmal alle Hundert Jahre eine Welle, die alles ändert. Die Dieselmotoren änderten Europa, die Toyotaprinzipien die Fertigung und die Telekommunikation machte die Welt flach. Und jetzt ist es WeWork, das für eine kulturelle Transformation steht und in rasenden Schritten über die Welt bricht. Der soziale Kontrakt zwischen Arbeitgeber- und nehmer ist gekündet – Sicherheit für Loyalität wird von beiden Seiten nicht mehr großgeschrieben. Arbeiter sehen sich selbst als Marktteilnehmer, entwickeln ihr Portfolio und holen sich ihre Kunden. Noch nicht alle, aber immer mehr. Und vor allem die Leute, die Unternehmen gerne hätte.

Wenn wir WeWork und Konsorten anschauen, dann sind dort die Menschen mit Ideenreichtum, mit Grit, mit Agilität und mit eine Dauerlernhaltung – alle die Skills, die die Zukunft dominieren werden. Diese Menschen haben sich entschieden, eine Kultur der Kollaboration und von kurzen Wegen zu wählen. Sie wollen Sinn und Impact. Und das ist für Manager in Großkonzern fast nicht zu sehen – sie sind zu alt und wer sich 20 Jahre die Corporate Leiter hocharbeitet kann den Drang der Coworker nicht ganz nachempfinden.  Das ändert aber nichts daran, dass die Welle da ist. Und sie wird ansteigen. Wer nicht der nächste Hufschmied sein will, oder das nächste Nokia vorm Abgrund retten will sollte besser mal mit Laptop ein paar Tage auf ner Bionade-Kiste verbringen und dann die Kulturweichen stellen.